Volkswagens Betriebsratschefin Daniela Cavallo wirft dem Management vor, für die gravierenden Produktionsausfälle in diesem Jahr Verantwortung zu tragen. "Von der Führung eines Weltkonzerns darf man schon erwarten, in der Lage zu sein, den Einkauf so zu organisieren, dass verlässlich Autos gebaut werden", sagte Cavallo ZEIT ONLINE.
Der Konzern leidet wie viele andere Autobauer unter dem globalen Halbleitermangel. Wie DIE ZEIT in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet, droht Volkswagen 2021 im Stammwerk in Wolfsburg so wenig Autos zu bauen wie zuletzt 1958. "Es müsste schon ein Wunder geschehen, wenn wir das Vorjahresniveau bis Jahresende erreichen sollten", sagt ein Insider.
Bereits im vergangenen Jahr baute VW in Wolfsburg erstmals seit über 60 Jahren weniger als eine halbe Million Autos. Nach drei Quartalen in diesem Jahr hat das Werk gerade die Marke von 300.000 erreicht, erfuhr DIE ZEIT aus Unternehmenskreisen. Offiziell nennt Volkswagen keine Zahlen zu den Produktionsausfällen. Noch Mitte 2018 äußerte sich das Unternehmen in einer Pressemitteilung zuversichtlich, künftig etwa eine Million Fahrzeuge im Jahr zu bauen.
"BMW und Toyota trifft der Halbleitermangel weniger"
Welchen Anteil hat die Führungsebene an der aktuellen Krise? Ein VW-Sprecher weist die Kritik der Betriebsratsvorsitzenden zurück: "Die weltweiten Verwerfungen in Bezug auf die Produktion und Nachfrage von Halbleitern in Folge der Pandemie sowie weiteren äußeren Umständen waren schlicht nicht vorhersehbar", sagte der Sprecher ZEIT ONLINE. Wäre dies möglich gewesen, hätten die betreffenden Unternehmen sicherlich auf beiden Seiten, in unterschiedlichen Industrien und Bereichen der Wertschöpfungskette gegengesteuert.
Cavallo greift diese Verteidigung jedoch zu kurz: "Wir können aus der Unternehmensleitung noch keinen Plan erkennen, wie diese Krise gemanagt werden kann. BMW und Toyota trifft der Halbleitermangel weniger. Die Produktionsausfälle sind also offensichtlich kein Naturgesetz."
BMW hat dabei offenbar aus einer früheren Krise gelernt. Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima blieb eine nahestehende Fabrik für Autolackpigmente wochenlang geschlossen und konnte auch BMW nicht beliefern. BMW gründete daraufhin eine Task Force, die bis heute permanent den Markt beobachtet. So erkannten die Experten den Halbleiterengpass früher als viele Konkurrenten. Deshalb traf der Mangel BMW mit deutlicher Verzögerung und auch schwächer als etwa Volkswagen.
In Wolfsburg hingegen, dem größten VW-Standort, sei die Produktion in diesem Halbjahr kaum mehr zu kalkulieren gewesen, wie Cavallo schildert. "Noch im Juli versprach der Konzernvorstand eine Aufholjagd im zweiten Halbjahr. Sogar die Werksferien im August haben wir, was selten passiert, für die Produktion von 10.000 VW-Golf geöffnet und das Management stellte dafür 1.800 Ferienarbeiter ein." Später habe der Betriebsrat Mehrarbeit ab Anfang September zustimmen sollen: "Damit hätten wir uns im Nachhinein lächerlich gemacht. Denn schon im Werksurlaub war dann, anders als angekündigt, wieder Teilemangel und massive Kurzarbeit angesagt."
Diess kommt nicht zur Betriebsversammlung
Konzernchef Herbert Diess hatte laut einem Handelsblatt-Bericht zuletzt dem Aufsichtsrat angekündigt, dass bei der Transformation von VW 30.000 Stellen wegfallen könnten. Dafür hat Cavallo wenig Verständnis: "Im ersten Halbjahr machen wir einen Rekordgewinn und jetzt wird über den Abbau von Tausenden Arbeitsplätzen spekuliert", sagte Cavallo. "Solche Spekulationen sind absurd, wir haben Beschäftigungssicherung bis 2029. Die Halbleiterkrise hat die Belegschaft nicht verursacht."
Die Diskussion um Wolfsburgs Zukunft würde Cavallo gern direkt mit Diess führen. Für Anfang November plant der Betriebsrat erstmals seit knapp zwei Jahren eine Betriebsversammlung im Werk abzuhalten, zu der Cavallo auch den Konzernchef eingeladen hat: "Selbstverständlich erwarte ich, dass Herbert Diess am 4. November zu unserer Betriebsversammlung kommt, den Bericht des Unternehmens gibt und sich vor der versammelten Belegschaft unseren Fragen stellt."
Nach Informationen von ZEIT ONLINE hat Diess jedoch für dieses Datum eine USA-Reise geplant. Neben dem Besuch des Werks in Chattanooga in Tennessee trifft sich Diess mit Investoren in New York.
Wall Street oder Wolfsburg? Ein Sprecher teilt ZEIT ONLINE am Dienstagabend mit: "An den Reiseplänen ändert sich nichts. Die Einladung des Betriebsrats kam einfach zu kurzfristig." Diess sei jedoch sehr am Austausch mit der Belegschaft gelegen. Entsprechende Veranstaltungen seien in Vorbereitung.
Chipmangel: VW-Betriebsratschefin wirft Management Planlosigkeit vor - ZEIT ONLINE
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